Von der coolen Schülerband
Von der coolen Schülerband
Polarkreis 18, die Nummer eins der Charts, hatte kurz Zeit für Freizeit in Dresden. In einem Museum sprachen die Musiker über Ruhm und ihren allerersten Fanbrief.Felix Räuber hat den Bus genommen. So bleibt Zeit, um aus dem Fenster die Stadt vorbeirauschen zu sehen und einmal ganz allein zu sein. Angesprochen hat ihn niemand, erkannt schon. Das hat er an einigen Blicken gemerkt, die länger an ihm kleben blieben. Ist das nicht der große Blonde, der Sänger? Der von der Band Polarkreis18 aus Dresden, die momentan auf Platz eins der deutschen Charts steht?
Alle Fäden in der Hand
An den Technischen Sammlungen ist Felix Räuber ausgestiegen und hat sich mit seinen fünf Bandkollegen getroffen. Museumsbesuch an einem Mittwochvormittag – ein bisschen Freizeit, ein bisschen Arbeit. Ein neues Bandfoto muss her. Vielleicht findet sich ja auf den leeren Gängen der Ausstellung ein gutes Motiv, zwischen den Apparaten und Vitrinen, womöglich sogar im alten Tonstudio. In dieser Sache ist die Band eigensinnig. Der Schein muss stimmen, Makel sind nicht erlaubt. Fragen dürfen gestellt werden, Fotosessions behalten die Herren jedoch sich und ihrem Management vor. Polarkreis18 soll ein Kunstwerk sein und bleiben, eine Inszenierung, bei der sich das Ensemble nur ungern die Fäden aus der Hand nehmen lassen will.
Ein bisschen Kontrollverlust ist okay. Anders könnte man das aktuelle Gefühlsleben der Musiker auch nicht beschreiben. Vor zehn Jahren haben sie sich gefunden. Hier in Dresden, ihrer Heimatstadt. Hier komponierten, probten und debütierten sie. Sie gewannen einen Bandwettbewerb, ein Plattenvertrag folgte und die Produktion ihres zweiten Albums. Rumms. Schon die erste Single „Allein Allein“ schlägt ein – nicht nur in Dresden.
„Als das mit der Nummer eins passiert ist, waren wir gerade in London“, sagt Felix Räuber. Der Manager schickte die Neuigkeit per SMS. „Danach sind wir erst mal ins Pub gegangen und haben mit viel Bier so richtig britisch gefeiert“, sagt Schlagzeuger Christian Grochau. Inzwischen ist Mittagszeit, und er hat sich mit Felix ins Turmcafé des Museums begeben, der Rest der Band spaziert weiter durch die Ausstellung. Müde sehen die beiden 24-Jährigen aus. Und in diesem Moment gar nicht nach Kunstwerk. Christian trägt einen gestreiften Lieblingspulli und im Gesicht ein riesiges Brillengestell, Felix eine dunkle Hose und Jacke, bunt sind nur seine grasgrünen Karosocken. Mit der linken Hand trommelt er unentwegt auf dem Tisch herum. Ab und zu gähnt er mit weit aufgerissenem Mund. „Tschuldigung, ist nicht meine Zeit“, sagt er. „Ich wache erst nachmittags richtig auf.“
Ausgehen und abschalten
Heute habe er seinen ersten Fanbrief bekommen, erzählt er Christian. „Richtig süß, so mit ganz netter Schrift. Ist bei mir zu Hause angekommen.“ Zu Hause ist bei seiner Mutter, „irgendwo in der Nähe des Fernsehturms“. Die Hälfte der Polarkreis-Besetzung wohnt noch im elterlichen Heim. Ans Ausziehen hat Felix bisher nicht gedacht, auch jetzt nicht nach dem plötzlichen Ruhm. Für Heimat bleibe ohnehin nur noch wenig Zeit, diese Woche aber immerhin ein paar Tage am Stück, ein ganzes freies Wochenende. „Ich habe mal nur zu Hause rumgesessen und ganz belanglose Sachen gemacht“, sagt Christian. „Ich auch“, sagt Felix. „Und ich war endlich wieder feiern so richtig ohne nachzudenken.“ In den Kneipen der Neustadt, im Alten Wettbüro und da, „wo man hier eben so hingeht“. Sich einen Abend treiben lassen, nicht über die nächsten Projekte und die anstehenden Tourneen grübeln, bei denen Alkohol und Nikotin tabu sind. Das Entspannen funktioniert in Dresden. „Es passiert eigentlich nicht oft, dass wir angesprochen werden“, sagt er.
Unterhalb des Gefrierpunkts
Wenn Felix Räuber wieder in der Stadt ist, bemerkt er die Sache mit dem schnellen Ruhm meist erst, wenn er die Haustür aufschließt. „Unsere Eltern verfolgen das viel mehr“, sagt Christian. Felix nickt und und erzählt, dass seine Mutter ihn seit Kurzem immer mit den neusten Gerüchten begrüßt, die sie über Polarkreis18 im Internet gelesen hat. Gestern Abend war es die Nachricht, dass die Band schon bald bei einem Thriller mitwirken soll.
Kopfschütteln und Lachen. Also alles ganz normal im Pop-Alltag unterhalb der Gefriergrenze? Könnte man meinen, wenn sich die beiden Mittzwanziger nach viel Zeit für Plausch langsam aus den Stühlen erheben und gen Ausgang stiefeln. Sie würden auch als Studenten auf Exkursion durchgehen. Wäre da nicht der Museumswächter, dem plötzlich irgend etwas bekannt vorkommt. „Wer seid ihr eigentlich?“, fragt er. Mit Polarkreis18 kann er nichts anfangen. Auch nicht mit den Erklärungen über die Paarung von elektronischer Musik mit klassischen Elementen. Erst beim Titel „Allein Allein“ grinst der Mann, macht „Aah“ und sagt: „Gutes Lied, habe ich grad im Radio gehört.“
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